Ein Morgen an der Römerstraße – als die Villa Borg erwachte
Ein Morgen an der Römerstraße – als die Villa Borg erwachte
Eine historische Erzählung von Alfred Regler
Die folgende Geschichte ist fiktiv. Schauplatz und viele Einzelheiten orientieren sich an den archäologischen Erkenntnissen über die Römische Villa Borg.
Noch lag Nebel über den Anhöhen zwischen Borg und Oberleuken. Die Sonne war nicht zu sehen, aber hinter den Bäumen wurde der Himmel bereits heller.
Marcus stand am Tor und hörte zuerst nur die Vögel.
Dann kam dieses andere Geräusch.
Räder.
Langsam und schwer.
Holz auf festem Weg.
Die Straße war nie wirklich still. Sie führte weiter nach Norden in Richtung Trier und nach Süden in Richtung Metz. Händler kamen vorbei, Reisende, Soldaten, Bauern und manchmal Menschen, bei denen niemand so genau wusste, woher sie kamen.
Marcus mochte diese frühe Stunde.
Später würde es auf dem Landgut laut werden.
In der Küche musste Feuer gemacht werden. Im Wirtschaftsbereich wartete Arbeit. Tiere mussten versorgt werden. Irgendwo würde wieder jemand nach einem Werkzeug suchen, das am Abend zuvor nicht an seinen Platz zurückgelegt worden war.
Und im Herrenhaus würde man bald erwarten, dass alles funktionierte.
Das Tor zwischen zwei Welten
Marcus ging durch die Toranlage.
Sie trennte den herrschaftlichen Bereich vom Wirtschaftsbereich des großen Landgutes. Wer hier hindurchging, wechselte gewissermaßen die Welt.
Auf der einen Seite wurde gearbeitet, produziert und gelagert.
Auf der anderen Seite lagen die Räume, in denen die Besitzer des Gutes lebten, Gäste empfingen und ihren Wohlstand zeigten.
Marcus blieb kurz stehen.
Aus Richtung der Küche roch es bereits nach Rauch.
Also war Julia vor ihm aufgestanden.
Das überraschte ihn nicht.
„Du bist spät“, sagte sie, als er die Küche erreichte.
„Die Sonne ist noch nicht einmal da.“
„Die Sonne muss auch kein Brot backen.“
Marcus grinste.
Auf der Arbeitsfläche lag Getreide. Wasser stand bereit. Das Feuer begann langsam zu ziehen.
Für einen Augenblick sah alles sehr friedlich aus.
Ein Wagen von der Straße
Dann hörten sie draußen Stimmen.
Der Wagen, den Marcus zuvor gehört hatte, war tatsächlich von der Fernstraße abgebogen.
Zwei Männer standen am Tor. Ihr Wagen war mit Amphoren, Säcken und mehreren Holzkisten beladen.
Einer der Männer sprach Latein mit einem Akzent, den Marcus nicht sofort einordnen konnte.
„Wir kommen aus Metz.“
Marcus betrachtete den Wagen.
„Und wohin wollt ihr?“
Der Händler lachte.
„Nach Trier. Wenn dieser Wagen es schafft.“
Eines der Räder hatte sich gelockert.
Das war nichts Ungewöhnliches.
Wer auf einer großen Straße unterwegs war, brauchte nicht nur Geld und Geduld. Er brauchte auch Menschen, die Holz und Metall bearbeiten konnten.
Marcus rief einen der Handwerker.
Während das Rad untersucht wurde, öffnete der Händler eine seiner Kisten.
Darin lagen kleine Gegenstände aus Metall, Keramik und Glas.
Julia war inzwischen ebenfalls zum Tor gekommen.
„Das alles soll nach Trier?“
„Nicht alles.“
Der Händler sah sich um.
„Vielleicht bleibt etwas hier.“
Die Villa war keine Insel
So begann ein neuer Tag auf dem Landgut.
Menschen kamen und gingen. Waren wechselten ihre Besitzer. Nachrichten wurden weitererzählt. Geschichten aus Metz gelangten nach Borg und Geschichten aus Trier gingen weiter nach Süden.
Eine römische Villa auf dem Land war eben nicht einfach nur ein großes Haus.
Sie war Wohnort, Wirtschaftsbetrieb und Teil eines weit größeren Netzes.
Die Straße vor der Villa verband Regionen miteinander.
Und mit den Menschen kamen Ideen, Sprachen, Waren, Gerüchte und manchmal auch Ärger.
Im Herrenhaus
Später am Vormittag fiel die Sonne durch die Öffnungen des Herrenhauses.
Der große Empfangsbereich wirkte völlig anders als die Werkstätten und Wirtschaftsräume.
Hier sollte jeder Besucher sehen, dass der Besitzer des Landgutes nicht arm war.
Mosaiken, Wandgestaltung und andere kostbare Materialien gehörten zu jener Welt, die Wohlstand sichtbar machte.
Marcus fühlte sich hier nie besonders wohl.
Julia dagegen betrachtete die Räume gerne.
„Was ist?“ fragte Marcus.
„Nichts.“
„Du schaust so.“
Julia deutete zum Boden.
„Ich frage mich nur, ob in zweitausend Jahren noch jemand weiß, dass wir hier waren.“
Marcus lachte.
„In zweitausend Jahren?“
„Ja.“
„Dann ist von uns nichts mehr übrig.“
Julia sah ihn an.
„Vielleicht finden sie den Boden.“
Marcus schüttelte den Kopf.
„Wer sollte denn hier nach einem alten Boden suchen?“
Zweitausend Jahre später
Heute kennen wir die Antwort.
Menschen haben genau hier gesucht.
Zwischen Borg und Oberleuken wurden die Spuren einer großen römischen Villenanlage entdeckt. Seit 1987 wird das Gelände wissenschaftlich untersucht. Später begann die Rekonstruktion wichtiger Gebäudeteile.
Heute können Besucher wieder durch ein Torhaus gehen, das Herrenhaus betreten, das Villenbad sehen, durch Gärten laufen und sich vorstellen, wie das Leben an diesem Ort vor rund zweitausend Jahren ausgesehen haben könnte.
Natürlich kennen wir Marcus und Julia nicht.
Sie sind Figuren dieser Geschichte.
Aber Menschen wie sie müssen hier gelebt, gearbeitet, gestritten, gelacht und auf den nächsten Tag gewartet haben.
Archäologie findet Mauern, Keramik, Metall, Glas und andere Spuren.
Was sie nur teilweise finden kann, sind die kleinen Geschichten der Menschen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb manchmal, zwischen den Mauern der Villa Borg einen Augenblick stehen zu bleiben.
Wenn es ruhig genug ist, kann man sich fast vorstellen, wieder einen Wagen auf der alten Straße zu hören.
Was an dieser Geschichte historisch belegt ist
Die Römische Villa Borg liegt zwischen Borg und Oberleuken auf einem etwa 7,5 Hektar großen Gelände. Unmittelbar an der Anlage verlief die bedeutende römische Fernstraße zwischen Metz und Trier. Archäologisch nachgewiesen sind unter anderem der Herrschaftsbereich, Wirtschaftsbereiche und eine große Toranlage. Die wissenschaftlichen Ausgrabungen laufen seit 1987. Teile der Anlage wurden auf Grundlage der Grabungsergebnisse rekonstruiert.
Marcus und Julia sowie die konkrete Handlung dieses Beitrags sind frei erfunden.
Alfred Regler
Villa Borg und die Gallier
Schlagwörter: Villa Borg, Römische Villa Borg, Römer im Saarland, Gallia Belgica, Borg, Oberleuken, Perl, römische Geschichte, Römerstraße Metz Trier, Archäologie Saarland, römisches Landgut
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